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Am Tag darauf war sie schon wach, bevor die Sonne aufging. Kylie warf noch einen letzten Blick auf Eulenpfote und Rennpfote, die beide noch schliefen und schlüpfte dann in die Dämmerung hinaus. Das Lager lag still da. Sie lief zum Frischbeutehaufen und pickte sich einen Wühler heraus. Leise kauerte sie sich hin und fing an zu essen. „Schon auf den Pfoten?“ Überrascht fuhr sie herum und blickte in das Gesicht von Kurzstern. Sie hatte ihn gar nicht kommen hören.

„Ich konnte nicht mehr schlafen!“, stimmte sie zu. Er nickte und nahm sich ein Kaninchen. „Ich möchte, dass du, Krähenfeder, Nachtwolke, Spinnenfuß und Rennpfote auf die Morgenpatrouille gehen“, sagte er. „Ich denke, es ist Mal Zeit für deine erste Patrouille.“ Kylie nickte. „Ich gehe sie holen.“

Sie machte sich sofort auf zum Kriegerbau und ließ Kurzstern zurück. Am Himmel zeigten sich schon die ersten Anzeichen für den Sonnenaufgang. Im Kriegerbau blieb sie ratlos stehen. Überall sah sie Fell und zusammengerollte Körper, dazu kam noch die Dunkelheit, die es fast unmöglich machte die Katzen an ihrem Aussehen zu unterscheiden. Was sollte sie machen? Alle einzeln begutachten, bis sie Krähenfeder gefunden hatte?

Da kam ihr eine Idee. Sie schloss die Augen und hielt die Nase in die Luft. Kylie trat einen weiteren Schritt in den Bau, bis sie seinen Geruch ausfindig gemacht hatte. Sie schlängelte sich zwischen den schlafenden Kriegern durch, bis sie bei einem dunkelgrauen, fast schwarzen Fellknäuel haltmachte.

Er hatte die Augen geschlossen und die Schwanzspitze über die Nase gelegt. Kylie legte den Kopf schief und betrachtete ihn. Unwillkürlich machte ihr Herz einen Satz und in ihrem Bauch fing es an zu kribbeln. Er sah so friedlich aus, wenn er schlief, von seinem beißenden Sarkasmus keine Spur.

Sie unterdrückte das Bedürfnis, sich an ihn zu kuscheln und wollte sich nach vorne beugen, um ihn anzustupsen, als ihr eine Pfote gegen die Flanke geschlagen wurde. Überrascht stolperte sie nach vorne und kippte gegen ihren Mentor. Schnell rappelte sie sich wieder auf und drehte sich um. Vor ihr stand eine schwarze Kätzin mit angelegten Ohren und kalten blauen Augen. Nachtwolke.

„Was machst du denn hier?“, fauchte sie leise. Kylie sträubte sich das Fell bei ihrem feindseligen Tonfall. Sie hatte ihr doch nichts getan. „Ich soll Krähenfeder, Spinnenfuß und dich zur Morgenpatrouille wecken!“, verteidigte sie sich. War es ihr etwa verboten, den Kriegerbau zu betreten? Davon hatte Krähenfeder nie etwas gesagt und auch in den Büchern hatte sie davon nichts gelesen. „Ach so, und da musst du erst eine Weile deinen Mentor anschmachten, bevor du ihn aufweckst?“, zischte sie schon etwas lauter. Da lag also das Problem.

Sofort legte Kylie die Ohren an und ein Knurren stieg aus ihrer Kehle hinauf. Als ob Nachtwolke ihn nicht selber anhimmeln würde – was nicht hieß, dass Kylie, das tat, … oder? Aus irgendeinem Grund brachte dieser Gedanke sie noch mehr auf die Palme, weshalb sie kurz davor stand, sich auf diese Zicke zu werfen.

Eine sanfte Berührung an ihrer Schulter hielt sie jedoch davon ab. Sofort schoss das Kribbeln wieder durch ihren Körper, diesmal jedoch verstärkt, und die Wut legte sich auf der Stelle. „Ist okay“, sagte ihr verschlafener Mentor sanft zu Kylie. Seine Schwanzspitze ruhte immer noch auf ihrer Schulter, als er sich an Nachtwolke wandte. „Sonst noch ein Grund, warum du jeden aufwecken musstest?“ Kylie war überrascht, wie gereizt seine Stimme auf einmal wieder klang.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie mit ihrer kleinen Auseinandersetzung den gesamten Kriegerbau aufgeweckt hatten. Unter den vorwurfsvollen, wütenden, jedoch vor allem verschlafenen Blicken ihrer Clankameraden kam sie sich auf einmal sehr klein vor.

„Sie hat kein Recht, diesen Bau zu betreten, das ist nicht ihr Platz!“, keifte Nachtwolke. „Sie hat nur die Anweisung von Kurzstern befolgt“, erwiderte er. „Hättest du sie gelassen, wäre das alles nicht passiert.“ Nachtwolke schnaubte. „Woher hätte ich denn wissen sollen, dass sie dich wecken sollte? Sie stand einfach nur da und hat dich beobachtet. Es hätte ja sein können, dass sie vergessen hat, wo sie eigentlich schlafen sollte!“ Ihre eiskalten Augen bohrten sich in die von Kylie. Sofort krampfte sich ihr Magen zusammen und ihr wurde ziemlich heiß unter dem Fell. Jetzt wusste er es, dass sie sich mehr zu ihm hingezogen fühlte, als sie eigentlich sollte. Verlegen wandte sie den Blick ab. Was würde er wohl darauf sagen? Mit ihr schimpfen?

„Was hast du denn erwartet?“, fauchte er wider Erwarten. „Dass sie hierherkommt und nach kurzer Zeit alle Katzen beim Namen nennen kann und sie erkennt?“ „Wenn sie dich nicht erkennt, dann weiß ich ja auch nicht, schließlich bist du ihr Mentor!“, knurrte Nachtwolke. Krähenfeders hin und her peitschender Schwanz, sein gesträubtes Fell und seine ausgefahrenen Krallen, die sich in die Erde gruben, zeigten Kylie, dass er kurz vorm Explodieren stand.

Sie hatte ihn schon öfters so gesehen, aber immer war es nur an sie gerichtet. Aus irgendeinem Grund machte es sie stolz, dass er sie jetzt auf dieselbe Art und Weise verteidigte, wie er sie sonst angriff, wenn nicht sogar etwas intensiver. „Ich weiß nicht, ob dir das aufgefallen ist, aber es ist dunkel, Nachtwolke. Da sehen viele von uns sich zum Verwechseln ähnlich“, sagte er betont ruhig. Die Ruhe vor dem Sturm.

Erleichterung durchströmte Kylie, als ihr klar wurde, dass Krähenfeder Nachtwolke kein Wort glaubte. „Das reicht!“, ertönte Kurzsterns Miauen. „Mond, Krähenfeder, Nachtwolke und Spinnenfuß kommen mit für die Morgenpatrouille, der Rest kann sich noch weiter ausruhen“, sein Tonfall war ruhig, aber bestimmt. Kylie merkte, wie Krähenfeder die Krallen wieder einfuhr und sein Fell glättete. Besagte Katzen gingen aus dem Kriegerbau, während der Rest sich murrend wieder hinlegte, nicht ohne noch ein paar wütende Blicke auf Nachtwolke oder Kylie zu werfen.

Draußen machte sich Kylie schnell auf, um Rennpfote zu wecken, damit sie Nachtwolke einen kurzen Moment aus dem Weg gehen konnte. Liebevoll stupste sie ihren Freund an und wartete, bis er aufwachte. Sie stellte sich vor, wie es wohl wäre, wenn sie so einen süßen Kater zum Bruder hätte. Bestimmt sehr schön! Verschlafen blinzelte er sie an. „Wir sind für die Morgenpatrouille eingeteilt“, flüsterte Kylie, um Eulenpfote nicht auch noch aufzuwecken. Sofort sah der Kater hellwach aus und sprang auf die Beine. Sie bewunderte den Elan, mit dem er seinem Clan diente. Als sie den Schülerbau verließen, warteten die drei Krieger schon auf sie. Schweigend verließen sie das Lager. Die Spannung zwischen ihnen war zum Greifen nah.

Rennpfote schien als einziger davon nichts mitzubekommen. Sobald sie das Lager verlassen und sich Richtung Fluss-Clan Grenze aufgemacht hatten, plapperte er munter drauflos. Kylie bemühte sich, ihm zuzuhören, freute sich innerlich aber noch zu sehr darüber, dass ihr Mentor sie vor allen verteidigt hatte. Sie setzten neue Duftmarken an der Grenze und liefen sie von oben bis unten ab. Alles war ruhig. Auf dem Weg zur Donner-Clan Grenze konnten sie einen wunderschönen Sonnenaufgang bewundern. Die rot-orangene Sonne hüllte die Welt in strahlendes Licht und es sah einfach umwerfend aus.

Als Kylie jedoch auf den See schaute, erstarrte sie. Das Licht spiegelte sich darin wider und verlieh ihm den Anschein, als würde er aus Blut bestehen. Sofort fühlte sie sich an die Nacht zurückerinnert, als auch der Mondsee so ausgesehen hatte. Auf einmal prasselte alles wieder auf sie ein und zerstörte den Nachklang des Hochgefühls von eben. Sie dachte an ihre Eltern und an ihren Streit, an ihre Freunde und daran, was passieren würde, wenn sie sich nicht zurückverwandelte. Kylie unterdrückte das drängende Bedürfnis, sich in den See zu schmeißen, damit dieses Schwindelgefühl wiederkam und sie wieder zu Kylie wurde. Wie sollte sie es den anderen erklären, wenn es nicht funktionierte? Dann stand sie da wie der letzte Trottel. Außerdem hatte Federschweif gesagt, sie sollte den Clans helfen, danach konnte sie sich immer noch in den See werfen. Es konnte ja nichts Gutes bedeuten, wenn nur ein Mensch ihnen bei dieser drohenden Gefahr helfen konnte.

„Alles okay?“, fragte Rennpfote. Schnell wandte sie den Blick vom See ab und nickte. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie stehen geblieben war. Die anderen waren ihnen jetzt um einiges voraus. Kylie und Rennpfote mussten sich beeilen, um wieder aufzuschließen.

An der Donner-Clan Grenze wiederholte sich dann das Prozedere. Bevor sie jedoch zurückgingen, wollten Alle noch einmal etwas jagen, schließlich hatte noch niemand außer Kylie etwas gegessen. Seufzend ließ sie sich auf ihren Hintern plumpsen. Während alle jagen waren, dachte sie noch einmal darüber nach, wie sie den Clans helfen könnte. Krähenfeder kam als erster mit einem Kaninchen zurück. Er setzte sich einige Meter entfernt ihr gegenüber und fing schweigend an sein Kaninchen zu essen. „Tut mir leid“, sagte Kylie. Überrascht hob er den Kopf und sah sie prüfend an. „Was denn?“ „Nun ja, das heute Morgen. Hätte ich dich gleich geweckt, wäre das nicht passiert.“ „Das war nicht deine Schuld. Woher hättest du denn wissen sollen, dass ich es bin? Außerdem wäre es überhaupt nicht erst passiert, wenn Nachtwolke nachgedacht hätte.“

In dem Moment kam Nachtwolke hinter einem Busch hervor und ließ sich, für Kylies Geschmack, viel zu nahe neben Krähenfeder nieder. Nach einer Weile gesellte sich Spinnenfuß noch zu den beiden. Auch Rennpfote kam herangehüpft und verschlang neben Kylie eine kleine Maus. Er war als erster fertig und musterte sie nach seiner Mahlzeit ausgiebig. Kylie wollte schon fragen, was los sei, als er schließlich doch etwas sagte.

„Sag mal, wann hast du dir zuletzt dein Fell geputzt? Es sieht aus, als hätte dich ein Dachs gepackt und ordentlich durchgeschüttelt!“ Jetzt wo sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass sie sich noch nie geputzt hatte – zumindest nicht als Katze. Bevor sie jedoch zu einer Antwort ansetzten konnte, hatte Rennpfote sich schon zu ihr herübergelehnt und angefangen, mit der Zunge über ihren Rücken zu streichen, um ihr Fell dort zu glätten. Erst zuckte sie zusammen, war dann aber überrascht, wie angenehm es sich anfühlte.

Es erinnerte sie daran, wie ihre Mutter ihr immer über die Haare gestreichelt hatte, während sie ihr ein Buch vorlas. Leise fing sie an zu schnurren. Dieses Schnurren blieb ihr jedoch im Hals stecken, als sie bemerkte, wie Krähenfeder sie vom anderen Ende der Lichtung aus ansah. Oder besser gesagt, wie er Rennpfote ansah. Seit wann konnte er ihn denn nicht leiden? Also wenn Blicke töten könnten…

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