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"Und so ist Feuerstern Anführer geworden“, endete Morgenblüte. Kylie saß im Ältestenbau und hatte, während sie die beiden auf Zecken abgesucht hatte, ihrer Geschichte gelauscht. Haferbart und Morgenblüte hatten sich immer abgewechselt. Sie fand es wirklich schön, ihnen beim Geschichtenerzählen zuzuhören.

Die Art und Weise, wie ihre Augen anfingen zu funkeln, wenn sie in Erinnerungen schwelgten, hatte Kylie in den Bann gezogen. Natürlich hatte sie die Geschichte schon gekannt, aber es war eine Sache, sie von einer verrückten Freundin erzählt zu bekommen und eine andere, sie von zwei weisen alten Katzen zu hören.

Na ja, sie wusste nicht, ob sie wirklich weise waren, aber waren das nicht alle alten Leute, in diesem Fall Katzen? Zumindest stand das so in vielen Büchern, die sie gelesen hatte. Als Kylie mit dem Entfernen der Zecken fertig gewesen war, hatte sie sich hingelegt und nur noch der Geschichte gelauscht.

„Das war wirklich schön! Danke, dass ihr mir diese Geschichte erzählt habt!“ „Komm ruhig zu uns, wenn du wieder eine Geschichte hören möchtest. Da gibt es noch so viel, was wir dir erzählen können.“ Kylie schnurrte dankbar. „Aber jetzt solltest du wieder gehen, bevor du Ärger mit deinem Mentor bekommst. Er sucht dich bestimmt schon!“

Wie auf Kommando kam Krähenfeder mit angelegten Ohren in den Bau gestürmt. „Ich habe dich überall gesucht und wo finde ich dich? Beim Zunge geben mit den Ältesten? “ „Ich hab alle Aufgaben erledigt, die du mir gegeben hast! Da darf ich mir ja mal eine Geschichte anhören!?“ „Nein, hast du nicht! Ich sagte, wenn du fertig bist, sollst du zu mir kommen, da wir für die Jagdpatrouille eingeteilt sind!“ fauchte er. „Das ist doch kein Grund, sich gleich so aufzuregen!“, erwiderte sie trotzig. „Doch, ist es, weil du nie das tust, worum ich dich bitte!“ „Erstens bittest du mich nie um etwas, sondern befiehlst es mir nur und zweitens bin ich nicht deine Sklavin!“ „Meine was?“ „Vielleicht solltest du sie einfach nicht so unter Druck setzen, Krähenfeder. Ich bin mir sicher, sie tut ihr Bestes, aber jeder braucht Mal eine Pause. Außerdem ist das alles noch neu für sie“, miaute Morgenblüte. „Ich setze sie ganz bestimmt nicht unter Druck! Und so neu ist sie nun auch nicht mehr“, knurrte er.

Kylie öffnete den Mund, doch er warf ihr einen warnenden Blick zu. Dann schnippte er mit dem Schwanz in ihre Richtung und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Ohne ein weiteres Wort marschierte er aus dem Bau. Mit einem Seufzen verabschiedete sie sich von den Ältesten und lief dann ihrem Mentor hinterher.

„Du reagierst über“, stellte sie fest. Er schnaubte verächtlich. „Die Jagdpatrouille ist ohne uns losgezogen. Das heißt, wir werden alleine jagen gehen.“ Kylie wurde heiß unter ihrem Pelz. Sie hatte zwar kein Problem mehr damit, Frischbeute zu essen, aber immer noch eins damit, sie zu töten. Die nächsten Minuten liefen sie schweigend nebeneinander her. „Du schuldest mir noch Erklärungen“, miaute er irgendwann. „Können wir dazu wieder an den Bach gehen?“, fragte sie vorsichtig. Dort war es irgendwie leichter, ihm Sachen zu beichten.

Er erwiderte nichts, änderte aber seine Richtung. Schweigend liefen sie den Bach entlang. Die Sonne strahlte durch die Baumkronen und tauchte den Boden in ein atemberaubendes Spiel aus Licht und Schatten. Die Luft war klar und Kylie konnte die Vögel über sich zwitschern hören. Sie beobachtete zwei Schmetterlinge, die den Bach entlang flogen und sich dabei immer wieder umkreisten. Es war wirklich ein wunderschöner Ort. Alles hier wirkte märchenhaft. Es war, als würde sie die Welt mit anderen Augen sehen, seit sie hierher gezogen waren. Ok, in gewisser Weise tat sie das ja auch. Kylie hatte noch nie so sehr auf Kleinigkeiten geachtet. Natürlich waren ihr Schmetterlinge schon früher aufgefallen, aber jetzt achtete sie auch auf ihre Farbe, ihre Form und auf die Muster, wie sie sich bewegten. Kylie sah jetzt schon die Bachbiegung, an der sie Krähenfeder die Nachricht von Federschweif überbracht hatte.

Sie ließen sich wieder an derselben Stelle nieder und immer noch sprach niemand ein Wort. Wo sollte sie anfangen? Bei Federschweif? Wohl besser nicht. Am besten wäre es, ganz von vorne anzufangen und dabei auszulassen, dass sie eigentlich ein Mensch war.

„Ich…“ setzte sie zögerlich an, unsicher was sie sagen sollte. „Ich bin ja von Zweibeinern großgezogen worden. Immer haben sie mir Zweibeinernahrung gegeben und ich hatte noch nie zuvor eine Maus oder so gegessen. Klar, ich war nicht mein gesamtes Leben lang Vegetarier, aber als ich noch Fleisch gegessen habe, war es nur gebratenes Fleisch vom Grill. Du weißt ja, wie ich zum Essen von Tieren stehe und da hat mir der Gedanke nicht gefallen, sie zu verletzen, geschweige denn, sie zu töten. Aber ich konnte ja auch nicht Nichts essen und da ich mit jedem Tag mehr Hunger bekommen habe, hab ich mich zum Zweibeiner-Haus begeben, um nach etwas zu essen zu suchen. Dort hab ich auch etwas gefunden, nur leider habe ich dabei aus Versehen den Herd in Brand gesetzt. Darauf ist die Sprinkleranlage angegangen und in der gesamten Küche hat es wie aus Eimern geschüttet. Als ich fliehen wollte, kam der Hund in die Küche und hat mich angekläfft. Zum Glück hab ich auf einem Schrank gesessen, wo er nicht hochgekommen ist. Von dem Schrank aus bin ich auf den Tisch gesprungen und von da aus aus dem Fenster. Na ja, der Hund ist auch aus dem Fenster gesprungen und hat mich gejagt. Als ich vor ihm weggelaufen bin, ist mir jedoch klar geworden, dass ich ihn direkt zum Lager führen würde und da habe ich mit ihm gekämpft. Als ihr dann gekommen seid, um mir zu helfen, hat sich die Pizza bemerkbar gemacht und ich hab schreckliche Bauchkrämpfe bekommen. Aber Rindengesichts Kräuterzeug hat wirklich gut geholfen.“

Er starrte sie aus großen Augen an. Erst dachte sie, er sei geschockt, weil sie Zweibeinernahrung gegessen hatte, aber als er anfing zu redenm war sie sich dessen nicht mehr so sicher. „Was ist ein ... ein Schrank und ein Tisch und dieses andere Zeugs und woher kennst du das? Mir ist aufgefallen, dass du immer wieder Dinge erwähnst, die ich noch nie in meinem Leben gehört habe.“ „Das kommt wohl von der Zeit, die ich bei den Zweibeinern verbracht habe.“ „Du kannst ihre Sprache verstehen?“ Kylie nickte und beobachtete ihn genau.

In seinem Gesicht spiegelten sich verschiedene Emotionen wieder. Siehst du, er kann dich nicht mehr leiden, meldete sich da ihr inneres Teufelchen zu Wort. Blödsinn! Natürlich kann er sie leiden, er braucht nur eine Weile, um das zu verdauen. Schließlich kennt er viele Wörter gar nicht, die sie benutzt hat und ist etwas empfindlich, wenn es um Menschen geht!, erwiderte ihr Engelchen. Nein, ich wette, er ist total enttäuscht von ihr und denkt jetzt, dass sie niemals das Zeug zu einer richtigen Clan Katze hat!, freute sich das Teufelchen. „Verschwindet!“, zischte Kylie wütend. Das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war ein Krieg zwischen ihrem persönlichen Himmel und ihrer Hölle, auch wenn es in gewisser Weise ja nur eingebildet war.  

Krähenfeder schaute sie überrascht und ein wenig verletzt an. „Nicht du. Ich hab nicht mit dir geredet!“, versicherte sie ihm schnell. Jetzt sah er ziemlich verwirrt aus. Na toll. Er denkt wahrscheinlich wirklich, dass ich einen an der Klatsche hab! „Auf jeden Fall werde ich jetzt keine Zweibeinernahrung mehr essen, sondern nur noch Frischbeute!“, sagte sie schnell, bevor er noch auf komische Gedanken kam und an ihrer geistigen Gesundheit zweifeln könnte. „Du bist nicht sauer oder so?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Nun ja, ich kann es nicht nachvollziehen, aber du hast ja aus deinem Fehler gelernt und wirst das hoffentlich nicht nochmal machen!“ Er sah sie abwartend an. „Nein, werde ich bestimmt nicht! Bist du dann fertig mit den Mentor-Weisheiten?“, fragte sie mit einem leicht schnurrenden Unterton. Er schnaubte leise und dann schauten beide wieder schweigend auf das Wasser.

„Also hätte ich dich die ganze Zeit nur vergiften müssen, um zu erreichen, dass du Frischbeute ist“, neckte er sie nach einer Weile. „Um ehrlich zu sein, hat das noch einen anderen Grund…“ Kylie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Wasser, um seinen traurigen Blick nicht zu sehen, wenn sie ihm von Federschweif erzählte. „Also doch wegen Rennpfote“, zu ihrer Überraschung hatte er seinen Namen schon fast geknurrt. „Nein, das hat überhaupt nichts mit Rennpfote zu tun. Ich hab… es hat… also ich…“, sie verstummte kurz. Dann fing sie von neuem an. „Es ist auch wegen Federschweif.“ Stille. Es war, als hätten sogar die Vögel aufgehört zu zwitschern. Vorsichtig lugte sie zur Seite.

„Federschweif?“ Seine Stimme klang ruhig, aber sie konnte dennoch einen Hauch von Schmerz heraus hören. „Nachdem Rindengesicht sich um mich gekümmert hatte, habe ich von ihr geträumt. Wir haben ein bisschen geredet und dann hat sie mich dazu überredet, eine Maus zu kosten. Es hat sich herausgestellt, dass die Maus gar nicht so schlecht geschmeckt hat, wie ich immer dachte.“ Er nickte nur und sah wieder auf das Wasser. Kylie wollte irgendetwas sagen, dass ihn tröstete, doch ihr fiel partout nichts ein. Nach gefühlten Stunden sagte er wieder etwas.

„Bist du nicht schon etwas zu alt, um dir Geschichten für Junge anzuhören?“ Ernsthaft? Sie seufzte. „Weißt du, mir wurden nie Geschichten erzählt. Ich hatte niemanden, der sie für mich erzählen konnte oder der überhaupt welche gekannt hatte. Außerdem glaube ich, es war mal eine Abwechslung für die Ältesten. Es muss doch stinklangweilig sein, den ganzen Tag in seinem Bau zu sitzen und nichts zu tun. Ab und zu bringt ein Schüler Essen vorbei und sonst können sie nur untereinander reden. Irgendwann gehen einem doch da die Gesprächsthemen aus, oder?“ „Es ist eigentlich ganz anders. Die beiden gehen sehr wohl aus dem Bau raus, um sich die Füße zu vertreten, sich zu sonnen oder sich mit anderen Katzen die Zungen zu geben. Sie kämpfen nur nicht mehr und gehen auch nicht mehr jagen oder auf die großen Versammlungen.“ „Oh. Das wusste ich nicht.“

„Du weißt einiges noch nicht. Wo wir schon mal dabei sind, können wir ja auch gleich mit deiner Ausbildung weiter machen.“ „Jagen?“, fragte sie besorgt. „Nein. Ich werde dir das restliche Gesetz der Krieger erklären. Das Jagen solltest du erstmal sein lassen. Ich pass auf, dass du demnächst in keine Jagdpatrouille kommst, aber ewig geht das nicht.“ „Ich weiß… Ich brauche nur noch ein wenig Zeit.“ Dann fing er an, die restlichen Gesetze zu erläutern. Kylie hörte nur mit halbem Ohr zu. Ihre Gedanken schweiften wieder zu ihrem Gespräch mit Federschweif. Und wie so oft in letzter Zeit geisterte ihr die Frage im Kopf herum, die sie sich immer wieder stellte. Wie konnte sie wieder ein Mensch werden? Würde sie für immer eine Katze bleiben? Wie würden ihre Eltern auf ihr Verschwinden reagieren und wie konnte sie den Clan-Katzen helfen?

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